Einen guten Jahrgang erkennt Dr. Jeroen Buters sofort. 2005, sagt der Wissenschaftler mit holländischem Akzent, sei einer gewesen, ein ganz hervorragender sogar. Doch der Toxikologe und seine Arbeitsgruppe am Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM) der Technischen Universität München beschäftigen sich nicht mit Wein, wie man vermuten könnte, sondern mit allergieauslösenden Pollen. Wie Weintrauben unterscheiden sich auch sie von Jahr zu Jahr in Menge und Qualität. Doch während gute Weinjahrgänge den Kennern Freude machen, bringen „gute“ Pollenjahrgänge eher Verdruss. Vor allem Allergiker werden kaum jubeln, da ein „guter Jahrgang“ für sie nicht nur viele Pollen bedeutet, sondern auch besonders viele Allergene. Die üblichen Heuschnupfen-Symptome machen sich noch stärker und länger bemerkbar als sonst.
15 bis 20 Millionen Betroffene in Deutschland
Die Zahl der Leidtragenden in Deutschland ist hoch. Schätzungen zufolge dürften 15 bis 20 Millionen Menschen auf blühende Kätzchenpflanzen und Gräser mit Niesen, laufender Nase und juckenden Augen reagieren. „Etwa 20 Prozent der Bevölkerung sind von der allergischen Rhinokonjunktivitis (Fachbegriff für Heuschnupfen; die Redaktion) betroffen“, sagt Professor Torsten Zuberbier, Leiter des Bereichs Allergologie an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Charité in Berlin. „In der Altersgruppe unter 60 Jahren liegt der Anteil sogar eher bei 30 Prozent.“ Hautarzt Zuberbier leitet auch die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF). Seit zwei Jahren versucht die Einrichtung, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Pollenallergie und ihre möglichen Folgen zu lenken. „Es ist wirklich erstaunlich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die allergische Rhinitis als schwere Erkrankung ein. In Deutschland scheint man diese Tatsache vielerorts noch nicht wahrgenommen zu haben.“ Zum Beispiel in den Führungsetagen von Betrieben. Daher bietet die ECARF auf ihrer Webseite (www.ecarf.org) seit einiger Zeit einen „Allergiekostenrechner“ für Unternehmen an. Der Hintergrund: Heuschnupfenbeschwerden senken die Leistungsfähigkeit der Betroffenen um bis zu 30 Prozent. Für einen Betrieb bedeutet das einen Verlust an Arbeitskraft, der sich auch finanziell niederschlägt. Nimmt man etwa an, dass 20 Prozent der Belegschaft eine Pollenallergie haben und jeder Allergiker 60 Tage pro Jahr unter Beschwerden leidet, dann belaufen sich die jährlichen Kosten für einen 15 000-Mann- Betrieb auf mehr als drei Millionen Euro. Ein Verlust, der sich vermeiden ließe, denn der Einbau von Pollenfiltern in die Belüftungsanlage bringt für viele Betroffene bereits eine erhebliche Linderung. Das Interesse an solchen Kostenrechnungen sowie an Unterstützung bei dem betrieblichen Pollenschutz ist allerdings gering: Kein einziger Betrieb hat bisher bei der ECARF angefragt. Die Zurückhaltung der Unternehmen überrascht jedoch nicht. Schließlich gehen auch viele Betroffene mit ihrem Problem äußerst nachlässig um. Beispielsweise stellen Allergologen seit Jahren eine chronische Unterversorgung der Pollenallergiker mit Medikamenten fest. Nur zehn Prozent der Patienten, so vermuten Experten, würden gemäß den Leitlinien behandelt. „Das lässt sich anhand der Verkaufszahlen der entsprechenden Medikamente errechnen“, sagt Zuberbier.
Dieses Jahr weniger Birkenpollen?
Wenig förderlich war in diesem Zusammenhang sicher, dass der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen vor zwei Jahren entschied, rezeptfreie Antihistaminika nicht mehr zu erstatten. Ein Stück ist der Bundesausschuss inzwischen wieder zurückgerudert: Die Medikamente sollen bei schwer zu kontrollierenden Pollenallergien nun doch von der Kasse bezahlt werden, wenn eine Behandlung mit kortisonhaltigen Nasensprays allein nicht ausreicht. Eine positive Nachricht für die Pollensaison 2006, von der Experte Buters meint, sie werde vielleicht erträglicher als das Jahr zuvor. „Wir haben uns vor allem mit Birkenpollen beschäftigt und dabei einen Zwei-Jahres-Rhythmus festgestellt.“ Nach dem heftigen Pollenflugjahr 2005 sollten dieses Jahr also weniger Pollen – und damit weniger Allergene – unterwegs sein.
Das Vorjahresklima hat Einfluss
Noch allerdings ist unklar, welche Fakto ren dafür verantwortlich sind, ob sich in der Blütezeit von Kätzchenpflanzen und Gräsern mehr oder aber weniger Pollen entwickeln. Die Beobachtungen der Münchner Forscher zeigen zumindest, dass das Wetter des Vorjahres eine Rolle spielt. Haben die Pflanzen da ausreichend Sonne getankt, können sie im Folgejahr viele Pollen produzieren. Deutlich mehr ist den Wissenschaftlern inzwischen darüber bekannt, welche klimatischen Gegebenheiten während der Saison den Pollenflug begünstigen: Trockenheit, ein leichter Wind und milde Temperaturen am Jahresanfang sorgen dafür, dass sich der Blütenstaub optimal verbreitet. Hinderlich für den Pollenflug – und damit gut für Allergiker – ist dagegen viel Regen zu Beginn der Saison. Immer klarer wird auch, was bei Menschen passiert, wenn sie eine Pollenallergie entwickeln. Pollen sind pflanzliche männliche Keimzellen, in denen neben Enzymen, Fetten, Eiweißen und Kohlenhydraten auch Erbmaterial und Substanzen mit allergener Wirkung stecken. Diese Substanzen werden abgesondert, sobald die Pollen bei einem Menschen auf die Schleimhäute der Atemwege treffen. Offenbar spielen bei dem dann folgenden Prozess auch so genannte Pollenassoziierte Lipid-Mediatoren (PALMs) eine wichtige Rolle. Erst vor einigen Jahren wurden diese Pollen-Bestandteile von einer Arbeitsgruppe am Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM) der Technischen Universität in München entdeckt. Allerdings ist noch nicht ganz klar, wie sie in das allergische Geschehen eingreifen. „Sie haben wohl entzündungsmodulierende Eigenschaften“, sagt Dr. Ulf Darsow, Allergologe am ZAUM, „verstärken also aufgrund einer Ähnlichkeit mit Botenstoffen des Körpers allergische Reaktionen.“ Interessanterweise kommen PALMs aber nicht in allen Pollen in gleicher Menge vor: Kieferpollen beispielsweise enthalten nur wenige, Birkenpollen viele. Diese unterschiedliche Verteilung könnte der Grund sein, warum manche Pollen oft allergische Reaktionen hervorrufen, andere dagegen nur selten.
Abgase machen Pollen aggressiv
Einfluss auf das Auftreten von Heuschnupfen haben zudem verschiedene Umweltfaktoren. Bekannt ist, dass Abgase die Pollenstruktur verändern. So können Birken, die in Städten stehen, Pollen mit mehr Allergenen produzieren als solche, die auf dem Land wachsen, erläutert Darsow. Dazu passt die Tatsache, dass in der Stadt Pollenallergien häufiger sind als auf dem Land. Das mag zum einen an der zusätzlichen Belastung mit Allergenen liegen, zum anderen wirken aber auch die Luftschadstoffe auf die Schleimhäute des Körpers. „Stick oxide und polyzyklische Kohlenwasser stoffe aus Auspuffgasen sowie Dieselruß und Feinstaub beeinflussen das Immunsystem“, erklärt Pollenforscher Buters. Mög licherweise begünstigen die se Substanzen beim Kontakt mit bestimmten, an der allergischen Reaktion beteiligten Immunzellen die Abgabe des Botenstoffes Histamin.
Die Pollen fliegen länger
Von Bedeutung ist zudem ein globaler Umweltfaktor. Wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Freiburg feststellte, hat sich aufgrund der Klimaerwärmung die Blütezeit mancher Pflanzen verschoben. „Die Vegetationsperiode verlagerte sich in den vergangenen 30 Jahren merklich nach vorne. Bei der Hasel zum Beispiel beginnt die Blüte heute oft schon Mitte Januar. Verglichen mit dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts ist das mehr als 15 Tage früher“, erläutert der DWD-Medizinmeteorologe Dr. Klaus Bucher. Unverändert geblieben sind dagegen die Blühperioden für Gräser und andere Pflanzen, die später im Jahr ihre Pollen verteilen. „Für den Beifuß, der meist im September und Oktober blüht, lässt sich keine Vorverlagerung feststellen“, bestätigt Bucher. Insgesamt also hat sich die Dauer des Pollenflugs verlängert. Für Menschen, die auf mehrere Pollen allergisch sind, bedeutet das: Sie leiden länger.
Das Immunsystem reagiert falsch
Der DWD hat zusammen mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst an 45 Standorten im ganzen Bundesgebiet „Pollenfallen“ aufgestellt. Meist stehen die Apparate auf Dächern in 15 bis 20 Metern Höhe. Alle zwei Tage zählt ein Mitarbeiter unter dem Mikroskop die mit einem Haftfilm eingefangenen Pollen aus. Daraus erstellt der DWD seine Pollenflug-Vorhersagen. Inzwischen haben die Pollenfallen High-Tech-Konkurrenz bekommen. Seit dem vergangenen Jahr befindet sich der erste Prototyp einer Online-Messstation im Testpark der Freiburger Meteorologen. „Bis zum Jahr 2010 sollen 30 solcher Geräte installiert sein“, berichtet Bucher. Zu zählen gibt es eine Menge: So setzt eine Birke über sechs Milliarden Pollen frei, eine einzige Roggen-Ähre etwa fünf Millionen. Im Grunde wären aber auch diese Mengen kein Problem, wenn nicht so manches menschliche Immunsystem „den Überblick verlieren“ und mit allergischen Symptomen reagieren würde. Als Schwachpunkt unseres Abwehrsystems haben Wissenschaftler eine kleine Gruppe von Immunzellen ausgemacht. „Regulatorische T-Zellen sind dafür verantwortlich, dass die Balance zwischen Abwehr und Duldung eines Eindringlings stimmt“, erklärt Professor Harald Renz, Leiter der Klinischen Chemie an der Universitätsklinik Marburg. „Bei Allergikern arbeitet ein Teil dieser Zellen nicht richtig: Sie lösen eine Entzündungsreaktion auch bei Stoffen aus, die der Körper eigentlich tolerieren sollte.“ Die Verursacher der fehlerhaften Immunantwort sind die „Th2-Zellen“. Nach dem Erstkontakt mit den Allergenen sorgen sie für die Produktion von „IgE-Antikörpern“. Dieser Prozess, den Allergologen Sensibilisierung nennen, braucht Zeit: Erst im folgenden Jahr, wenn die gleichen Pollen wieder auf die Schleimhäute treffen, kommt es zu allergischen Symptomen. Die dem Immunsystem nun bekannten Allergene lösen eine massive Freisetzung des Botenstoffes Histamin aus. Dieser wiederum verursacht eine örtliche Entzündungsreaktion mit den bekannten Beschwerden. Die Konzentration an IgE-Antikörpern im Blut machen sich Ärzte für die Diagnose einer Pollenallergie zunutze. „Mit einer Blutuntersuchung lassen sich auch Aussagen darüber treffen, wie stark die Sensibilisierung in Bezug auf ein Allergen ausfällt“, erklärt Renz. Standardtechnik zur genaueren Diagnose ist jedoch derzeit der so genannte Prick-Test. Dabei werden verschiedene Allergene in die Haut des Unterarms geritzt. An den Reaktionen kann der Arzt ablesen, auf welche Pollen der Patient allergisch ist und in welchem Umfang. Eine exakte Diagnose ist wichtig, um aus verschiedenen wirksamen Behandlungsmöglichkeiten die passende auszuwählen. Ziel ist es unter anderem, die Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. „Es wird häufig übersehen, dass die Pollenallergie den ganzen Körper belastet“, sagt Professor Gerhard Schultze-Werninghaus, Direktor der Medizinischen Klinik für Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin der Kliniken Bergmannsheil der Universität Bochum und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie. „Eine unbehandelte Pollenallergie führt neben den üblichen Beschwerden zu einer Einschränkung im Gehirn. Dadurch können sich etwa bei Jugendlichen vorübergehend Lernprobleme in der Schule ergeben, bei Erwachsenen kann die berufliche Leistungsfähigkeit zeitweise reduziert sein. Zudem steigt das Risiko für Unfälle im Straßenverkehr.“ Als erste und einfachste Maßnahme hilft es, die Allergene so gut wie möglich zu meiden. Allein das kann die Beschwerden lindern.
Apotheken Umschau; 03.04.2006